Auf der Suche nach dem guten Klang
Die Fahrzeugakustik war schon immer eine Sonderdisziplin: eher Physik als Maschinenbau, einerseits der
Erfüllung gesetzlicher Vorgaben dienend, andererseits dem Wohlgefühl des Kunden verpflichtet. Der Zwang
zu sparsamen Verbrennungsmotoren und die allmähliche Elektrifizierung bescheren den Akustikern nun neue Aufgaben. Sie müssen mit steigenden Mitteldrücken und damit lauteren Grundmotoren zurechtkommen. er Elektromotor hat das umgekehrte Problem: Er ist sehr leise. So leise, dass Geräusche auffallen, die man bislang nicht wegdämmen musste. So leise, dass eventuell Fußgänger gefährdet werden könnten.
Den neuen Astra präsentierte Opel im Oktober 2009 auf der hauseigenen Teststrecke in Dudenhofen. Denn nur dort konnten die Entwicklungsingenieure auf diversen Marterstrecken beweisen, dass sie tatsächlich ein besonders leises Auto auf die Räder gestellt haben.
Ein leises Auto allein ist aber schon lange nicht mehr einziges Entwicklungsziel. Vielmehr gilt es heute, das Klangbild eines Fahrzeugs gezielt so zu tunen, dass es dem Marken- und Modellcharakter entspricht. Die relativ junge Disziplin der Psychoakaustik hat dazu beigetragen, dass solche Klangbilder objektiviert werden können. Sound Design findet heute nicht erst im Fahrversuch, sondern schon im Labor statt.
Die automobile Welt verändert sich - durch die CO2-Vorgaben besonders auf der Antriebsseite. Selbst Mittelklasse-Limousinen werden in den kommenden Jahren mit Dreizylindermotoren ausgestattet. Aufgrund der unausgeglichenen Massenkräfte werden solche Konzepte zur Herausforderung für den Fahrzeugakustiker. Dass dennoch ein limousinentaugliches Klangbild entstehen kann, zeigt Tenneco in einem Fachbeitrag im Rahmen dieser Titelstrecke. Eine Optimierung des Schalldämpfers allein reicht freilich nicht mehr aus, es kommt auf ein gekonntes Zusammenspiel mit dem Abgaskrümmer und den Ventilsteuerzeiten an. Insgesamt müssen und können, so die Autoren, die existierenden Hörmodelle weiter verfeinert werden.
Eine weitere Herausforderung ergibt sich aus der ebenfalls dem Verbrauch zugute kommenden Tendenz, die Wärme möglichst lange im Motor zu lassen, ihn also thermisch zu isolieren. Die heute bis in die Kleinwagenklasse herunter verbreiteten Motorkapselungen können dabei natürlich helfen. Sie müssen jedoch neuen Anforderungen genügen, die mit innovativen Werkstoffkombinationen erreicht werden, wie Rieter in einem Autorenbeitrag berichtet.
Richtig diffizil wird es, wenn ein Fahrzeug von Elektromotoren angetrieben wird. Im Interview mit der ATZ vertritt Ulrich Mellinghoff, bei Mercedes-Benz Pkw für die Gesamtfahrzeugentwicklung verantwortlich, die These, dass ein Elektroauto wie ein Elektroauto klingen muss. Seine Strategie: Wie bei heutigen Fahrzeugen sollten störende Frequenzen eliminiert werden - etwa durch Absorption -, angenehme Aspekte des Klangbilds seien hingegen gezielt herauszuarbeiten. Ein Elektrofahrzeug mit künstlich erzeugtem Achtzylindersound hält er nicht für erstrebenswert.